A SEQUENCE OF EVENTS IN THE LIVES OF THE DORMANT
Jumana Emil Abboud, Mohamed Abdelkarim, Black Quantum Futurism, Yasmine Eid-Sabbagh, Haytham El-Wardany, Katia Kameli, Karrabing Film Collective, Kristiina Koskentola, Melissa Logan, Danie Meyer, Denzel Russell, Julius Vapiano
17 Oktober - 20 Dezember 2020
Eröffnung: Fr 16 Oktober, 16 — 23 Uhr
Künstler- und Kuratorenführung: Sa 17 Oktober, 14 Uhr

 

“Kann man Wasser als schlafend bezeichnen? Das Leben? Geister, Dschinns, Wörter?

Wörter, die wie Zauber wirken, heilen oder vergiften ‒ um Schlaftrunkenheit oder Benommenheit heraufzubeschwören.

Wörter, die wie Gesang wirken, gemurmelte Heilmittel zum Erwachen. Wie ein Kuss aus dem tiefen Dunkel einhundert Jahre danach.”

Jumana Emil Abboud

Die Ausstellung betrachtet verschiedene Arten von Erzählungen als emanzipatorische Instrumente zur Rückforderung von Gemeinschaft und Land, die durch Siedlerkolonialismus, Imperialismus und neoliberale Hegemonien zerstört wurden. Geblieben sind Geschichten, lange, nachdem Gebiete besetzt und Menschen vertrieben wurden. Sie haben überlebt, wenn auch nur bruchstückhaft oder als düstere Erinnerungen. Sie haben Spuren hinterlassen, die den Wunsch nach der Wiederherstellung der Gemeinschaft und des von ihr bewohnten Gebietes wiederaufleben lassen. Werden diese Überreste von Geschichten, die häufig auf kollektive und individuelle Traumata verweisen, wieder zu narrativen Strukturen zusammengefügt, können sie politischen Kämpfen neue Impulse verleihen. Der Unterschied zwischen dem Realen oder Historischen und dem Fiktionalen verliert hier jedes Gewicht, was zählt, ist das zukunftsweisende Potenzial der Geschichte – sie eröffnet die Möglichkeit, Vergangenheit und Zukunft neu zu denken und zu beeinflussen.

 

In einem Interview, das Salman Rushdie mit Edward Said führte, spricht Said über die Aufhebung hegemonialer, institutionalisierter Narrative durch das wiederholte Erzählen von Geschichten durch den Underdog. Er sagt: „Es scheint nichts auf der Welt zu geben, um die Geschichte zu bewahren, wird sie nicht erzählt, versinkt und verschwindet sie; sie muss ständig erzählt und wiedererzählt werden, während das andere Narrativ vorhanden und institutionalisiert ist”.[1] Wenn das Land verloren ist, bleibt die Geschichte, aber sie überlebt nur, wenn sie immer wieder erzählt wird. Und dieses wiederholte, kollektive Erzählen lebt durch die Geschichte, die den Verlust und das Leben in Erinnerung ruft. Die Vorstellung, dass Indigene in Einklang mit der Natur und vom Land leben können, ist essenzialistisch und romantisch. Tatsächlich entspringt das Wissen einer Gemeinschaft ihren Praktiken, und diese Praktiken erfordern Zugang zum überlieferten Wissen und zum Land, was beides von den Kolonialmächten zunichte gemacht wurde.

Ein gutes Beispiel hierfür sind volkstümliche mündliche Überlieferungen. Sie dienen dazu, Wissen von einer Generation zur nächsten weiterzugeben, wobei die Erzählung dem Narrativ der vorherrschenden Klasse widerspricht oder parallel dazu existiert. Volkstümliche Überlieferungen sind sehr vielschichtig, sie bewahren die „sozialen Merkmale der beteiligten Personen“, und sie lassen sich leicht weit verbreiten.[2] Außerdem erlaubt die Tatsache, dass ihr Urheber unbekannt ist, die Äußerung politischer Ansichten, ohne als Person Gefahr zu laufen, dafür bestraft zu werden. Das in den mündlichen Überlieferungen enthaltene Wissen wandert und wandelt sich, wenn es von verschiedenen Gemeinschaften und zu verschiedenen Zeiten erzählt und wiedererzählt wird. Die historisierte Überlieferung[3] lässt sich als das literarische Werk eines Kollektivs betrachten, das aus den materiellen Umständen einer bestimmten Gemeinschaft schöpft. Die Erzählungen beziehen sich oft auf einen bestimmten Ort, dessen natürliche Ressourcen sie im Rahmen ihrer zahlreichen Funktionen schützen und pflegen. Kulturelles ist hier mit Wirtschaftlichem verwoben, und verschiedene kulturelle Identitäten überschneiden sich aufgrund ähnlicher ökonomischer Gegebenheiten. Doch das Territorium kann nicht zurückgewonnen werden, wenn die Gemeinschaft die Geschichten nicht verkörpert. Eine Geschichte ist ohne ihre Gemeinschaft nicht lebensfähig: Die Gemeinschaft erschafft die Geschichte, und die Geschichte stellt die Gemeinschaft her.

 

Es ist offensichtlich, dass der Versuch, etwas mittels Narrativität zurückzugewinnen, ein Beugen und Aufbrechen der herkömmlichen Vorstellung von Zeit erfordert: Eine Geschichte wird stets zu einer bestimmten Zeit erzählt und von den jeweils herrschenden Bedingungen neu geprägt. Auf diese Weise wird eine Geschichte immer in der Zeit „gedehnt“ – die Vergangenheit, auf die sie sich bezieht, wird zu „einem Raum offener Möglichkeiten, Spekulationen und aktiver Revision durch mehrere Generationen, die sich in der relativen Zukunft befinden“.[4] Anders gesagt: Wer die Vergangenheit besitzt und die oppressive lineare Vorstellung von Zeit ablehnt, kann die Zukunft (er-)fassen.

 

Die Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren Werken in der Ausstellung vertreten sind, sammeln und produzieren nicht nur Geschichten, sondern auch Objekte (Zeichnungen, Talismane etc.) und damit verbundene Rituale, wobei sie die moderne Trennung der Disziplinen vermeiden. Eine Geschichte ist nichts Immaterielles. Sie ist materiell, denn sie lebt in der (nun verseuchten) Landschaft, in einem Talisman, der in eine entsprechende spirituelle Weltsicht eingebettet ist, in einem Lied und seiner Darbietung, im Körper einer Person, die sie als Kind verinnerlicht hat und ab und zu daran denkt.

 

In gewisser Hinsicht sind die Künstlerinnen und Künstler Ethnografinnen und Ethnografen. Doch anders als herkömmliche Ethnografen begegnen sie der Magie der volkstümlichen Überlieferungen, Rituale und Schamanen nicht auf eine Art und Weise, durch die diese versachlicht würden. Sie sind selbst in diese Praktiken involviert, sie glauben an sie, wahren aber zugleich eine gewisse kritische Distanz. Sie verstehen die hier wirkende Kraft zur Veränderung, welche Gemeinschaften und antihegemonialen Narrative hier im Entstehen begriffen sind. So erzählte mir Kristiina Koskentola in einem Gespräch: „Mich selbst einem Heilungsprozess zu unterziehen und meinen Körper dabei als Subjekt und als Gegenstand dieser Recherche einzubeziehen, mich so zu öffnen und verwundbar zu machen, war ein Weg, um in den Dialog zu treten. Dieser Austausch bot den Schamanen Zugang zu meinem tiefsten Innersten, was mir wiederum eine Möglichkeit eröffnete, einen Zugang zu den verschiedenen Welten zu suchen, die durch die Schamanen und ihre Körper vermittelt wurden.“

Die Künstler und Künstlerinnen in dieser Ausstellung verstehen es, das Geschichtenerzählen im Kontext der Gegenwart zu betrachten. Sie bringen Geschichten zurück, sie begreifen und adaptieren sie und betten sie in die täglichen Auseinandersetzungen ein, wobei sie ihr emanzipatorisches Potenzial freisetzen. Der Ausstellungsraum ist viel mehr als nur ein Präsentationsraum: Er lädt dazu ein, diese Geschichten und Praktiken als Bezugspunkte für weitere Geschichten und neue Rituale zu nutzen.

In Jumana Emil Abbouds Arbeit verschaffen uns palästinensische Volkslegenden und Talismane Zugang zu einer gespenstischen Landschaft und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Kosmologie von Gemeinschaften, Leben und Geschichten, während das Werk des Karrabing Film Collective uns das emanzipatorische Potenzial uralter Rituale und des Films vor Augen führt. Kristiina Koskentola zeigt die Schamanen der Mandschurei und der Inneren Mongolei bei der Durchführung von Ritualen in einer Region mit starker Umweltverschmutzung, in der die Lebewesen der Heilung benötigen. Black Quantum Futurism dient das Geschichtenerzählen dazu, die lineare Zeit zu beugen und aufzubrechen, um ihrer Legitimation beraubte Zukünfte zurückzugewinnen und zu verändern. Melissa E.  Logans und Julius Vapianos narrative Praktiken fordern urbane Räume zurück und erfinden sie neu. Und Danie Meyer offenbart schließlich anhand der Narrativen Expositionstherapie (NET) das Heilungsvermögen biografischer Erzählungen, die in Symbolen wie Blumen, Stöcken und Steinen verankert sind.  Yasmine Eid Sabbagh bedient sich in ihrem Werk des Geschichtenerzählens und der Spannung zwischen Bildern und Texten, um vier Schwestern wieder zusammenzuführen, die es aus ihrer Heimat in verschiedene Winkel der Welt verschlagen hatte. Die Workshops und Veranstaltungen im Rahmen des öffentlichen Programms laden Besucherinnen und Besucher dazu ein, den Ausstellungsraum als möglichen Treffpunkt und Arbeitsraum zu nutzen.

 

Kuratorinnen: Lara Khaldi und Aneta Rostkowska

 


Förderung und Unterstützung


Bilder

Jumana Emil Abboud, “A handless maiden in the mountainous landscape” (I Feel Nothing companion), acrylic, gouache, pastel on paper, 63 x 73 cm, 2012. Courtesy of the artist and Lara Khaldi.