Über alternative Lebens- und Wohnformen
Finissage der Ausstellung von Nie Pastille
Mit Lucia Halder, Tom Hunter, Nie Pastille, Philip Soonti und Stefan Wartenberg
Mit Präsentation des Zines mit dem Ausstellungstext von Aneta Rostkowska und Gedichten von Stefan Wartenberg
Moderation: Aneta Rostkowska
Food von: AMA.TWI
Sonntag, 9.08.2026
15–18 Uhr
Sprache: Englisch
Wir laden euch sehr herzlich zur Finissage der Ausstellung ins Himmelszelt es leuchtet leuchtend rot ein – zu einem Nachmittag voller Gespräche, Geschichten und gemeinsamem Essen, der ganz im Zeichen alternativer Lebens- und Wohnformen steht.
In Zeiten knappen und immer teureren Wohnraums stellt sich die Frage nach anderen Wegen des Wohnens und Zusammenlebens drängender denn je: Formen wie der Bauwagenplatz, die Hausbesetzung oder das Tiny House existieren seit langem und stellen etablierte Vorstellungen von Zuhause und Eigentum infrage – doch gerade sie geraten zunehmend unter Druck und werden verdrängt. Der Nachmittag nähert sich diesem Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und öffnet darüber hinaus auch Raum für weitere Fragen rund um Kunst, Handwerk und Zusammenarbeit.
Den Auftakt bildet ein Gespräch, das Lucia Halder mit dem Fotografen Tom Hunter führt, dessen Arbeiten aus den Serien Travellers und Persons Unknown neben den Werken von Nie Pastille ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Für Travellers (1996–1998) reiste Hunter selbst in einem Doppeldeckerbus durch England und Europa und porträtierte dabei das Leben seiner Freund*innen und Mitreisenden – seine Bilder erkunden die Ästhetik des Wagens als Lebensraum und verleihen marginalisierten Lebensweisen durch kunsthistorische Bezüge Würde. Die Serie Persons Unknown (1997) entstand in seiner eigenen Straße in Hackney, wo er und seine Nachbar*innen als Hausbesetzer*innen gegen ihre Zwangsräumung kämpften – der Titel stammt aus dem Wortlaut der Räumungsbescheide, und Haltung und Gestik der Porträtierten zitieren Gemälde von Johannes Vermeer. Von diesen Werken ausgehend öffnet sich das Gespräch für größere Fragen: Wohnen zwischen Freiheit, Provisorium, Widerstand und Bedrohung; Fotografie als politisches Mittel; das Verhältnis von dokumentarischer Erfahrung und kunsthistorischer Inszenierung; und was sich seit den 1990er-Jahren verändert hat.
Im Anschluss erzählt Nie Pastille von ihrem Leben auf dem Bauwagenplatz in Köln und davon, wie dieser Alltag ihr künstlerisches Werk prägt. Philip Soonti, der Nie dabei geholfen hat, das Weben in Ghana zu erlernen, berichtet von seiner Arbeit bei der Nubuke Foundation – insbesondere vom Festival, das ganz der Webkunst gewidmet ist. Den Nachmittag beschließt Stefan Wartenberg mit einer Lesung seiner Gedichte zum Werk von Nie Pastille sowie Einblicken in seine Zusammenarbeit mit Künstlerinnen. Für das leibliche Wohl sorgt AMA.TWI.
Wir freuen uns auf euch!
Biografien
Lucia Halder ist seit 2015 Kuratorin und Referentin für die Fotografische Sammlung am Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt in Köln sowie Vorsitzende der Sektion Geschichte & Archive der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh). In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Geschichte, Semantik und erinnerungspolitischen Bedeutung von historischen sowie zeitgenössischen Fotografien. Sie ist auch Teammitglied von Photoszene Köln, wo sie sich mit dem Ausloten dekolonialer Handlungsräume in fotografischen Archiven und Sammlungen beschäftigt. Halder studierte Neuere und Neueste Geschichte sowie Kunstgeschichte in Konstanz, Tübingen und Berlin. Von 2012 bis 2016 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig im Projekt „Visual History. Institutionen und Medien des Bildgedächtnisses“, wo sie zu Ikonographien des Sozialismus in Schulbüchern promovierte. Zuvor war sie als Ausstellungskuratorin tätig, unter anderem am Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, wo sie an der Ausstellung „Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte“ (2009) mitwirkte.
Tom Hunter ist ein Künstler, der mit Fotografie und Film arbeitet und in East London lebt und tätig ist. Er ist Honorary Fellow der Royal Photographic Society und Träger einer Ehrendoktorwürde der University of East London, neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen in seiner Laufbahn, darunter der Rose Award for Photography der Royal Academy, London, und der Photographic Portrait Prize der National Portrait Gallery, London. Er schloss sein Studium 1994 am London College of Printing ab und absolvierte anschließend seinen MA am Royal College of Art, wo er 1996 mit dem Fuji Film Photography Prize für seine Serie Travellers ausgezeichnet wurde. 1998 gewann Woman Reading a Possession Order aus seiner Serie Persons Unknown den Photographic Portrait Award der National Portrait Gallery.
Seine Arbeiten wurden national und international in bedeutenden Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter Life and Death in Hackney in der National Gallery of Art, Washington D.C.; Seduced by Art in der National Gallery, London; A Palace for Us in der Serpentine Gallery, London; sowie Another Story: Photography from the Moderna Museet, Stockholm. Er hat acht Bücher veröffentlicht, darunter Down The Lane (Café Royal Books, 2020), Where Have All The Flowers Gone (Hartmann Projects, 2019), Le Crowbar (Here Press, 2013) und The Way Home (Hatje Cantz, 2012). Hunter erhielt Auftragsarbeiten von der Serpentine Gallery, dem Victoria and Albert Museum, dem Museum of London und der Royal Shakespeare Company, und seine Werke befinden sich in bedeutenden Sammlungen, unter anderem im MoMA, New York; im V&A und in der Tate Modern, London; im Moderna Museet, Stockholm; im Smithsonian und in der National Gallery of Art, Washington D.C.; sowie im Los Angeles County Museum of Art.
Nie Pastille, 1966 in Duisburg geboren, studierte Bildende Kunst an der Hogeschool voor de Kunsten in Arnhem sowie am Sandberg Instituut in Amsterdam. Zuvor hatte sie Sozialwissenschaften an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg studiert. Sie lebt und arbeitet in Köln. Ausstellungen (Auswahl): Blue Binding Ribbon (Temporary Gallery, Köln, 2024), Mango Jellyfish Action (Cosima Pilz, München, 2024), WIE OOB (Hidde von Seggelen, Hamburg, 2021), 1919 49 69ff. Aufbrüche (Kolumba Museum, Köln, 2019), Tanz lang (Cabinet of Caput, Köln, 2016), Köln um halb acht (Temporary Gallery, Köln, 2014 & 2019), No Bodies Meta (Galerie Sebastian Brandl, Köln, 2013), Anweisung (Galerie Charlotte Desaga, Köln, 2010), Pressgang (Reinier van Ewijk Projects, Amsterdam, 2008) und The Contented Heart (W139, Amsterdam, 2007). Auslandsaufenthalte: Bawku, Ghana, 2022 & 2023.
Philip Soonti ist ein ghanaischer Kulturschaffender, der in der Region Upper West in Ghana im Bereich Community-Arbeit, kultureller Programmgestaltung und der Bewahrung traditionellen Textilhandwerks tätig ist. Seit 2022 ist er ein zentrales Mitglied des Teams am Nubuke Centre for Textiles and Clay in Loho, nahe Wa – einem Standort der Nubuke Foundation, der 2006 gegründeten, in Accra ansässigen Kunstinstitution. Dort war er von Beginn an am Aufbau des öffentlichen Programms des Zentrums beteiligt, unterstützte 2022 die Ausrichtung des Woori Festival – des einzigen Festivals in Ghana, das der Webkunst gewidmet ist – und leitete die Mobilisierungsarbeit in den Gemeinden, durch die die Besucherzahl des Festivals von rund 300 Teilnehmenden im Jahr 2022 auf mehr als 1.500 im Jahr 2024 anstieg. Seit 2022 koordiniert Soonti zudem das Kinderworkshop-Programm des Zentrums, in dessen Rahmen er gemeinsam mit Künstler*innen, Weber*innen und Kulturschaffenden mehr als 100 Workshops durchgeführt hat, und begleitet zu Gast weilende Künstler*innen, Forschende und institutionelle Partner*innen durch die Ausstellungen und Sammlungen des Zentrums.
Stefan Wartenberg, geboren 1981 in Rostock, studierte Bildende Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und ist Mitbegründer der Künstlergruppe Graffitimuseum. Als Künstler arbeitet er gern ortsspezifisch, installativ und performativ. Vor allem aber schreibt er Gedichte, die u. a. bei Possible Books, AKV-Berlin und Lubok erscheinen. 2021 gründete Wartenberg den Nachtalb Verlag Engelsdorf, der sich Lyrik und befreundeten Textgattungen zuwendet und junge Autor:innen fördert.
Bilder
1 – Tom Hunter, Frau, die einen Räumungsbeschluss liest / Woman Reading a Possession Order, Aus der Serie / From the series Persons Unknown, 1997
2 – Tom Hunter, Die Kunst des Hausbesetzens / The Art of Squatting, 1997