ins Himmelszelt es leuchtet leuchtend rot
Ausstellung von Nie Pastille (mit Tom Hunter, Ewa Kuryluk und Molly Palmer)

 

4.05.–9.08.2026

Eröffnung: Sonntag, 3.05., 11–17 Uhr
mit Essen von AMA.TWI und Kinderaktivitäten

 

Curator: Aneta Rostkowska
Exhibition design: Mateusz Okoński

 

In ihrem Buch „Vibrant Matter” (2010) argumentiert die amerikanische Philosophin und Politikwissenschaftlerin Jane Bennett gegen die Vorstellung von Materie als totem, passivem Stoff, der darauf wartet, durch menschliche Intention Form und Bedeutung zu erhalten. Sie schreibt, dass Materie lebendig ist und eine eigene Handlungsfähigkeit besitzt. Objekte handeln nicht wie Menschen, sind aber auch nicht bloße Werkzeuge, die eine Funktion erfüllen. Irgendwo dazwischen bilden sie eine Kraft, die affiziert, widersteht, überrascht – und mitgestaltet.

 

In der Kunst von Nie Pastille ist diese Kraft spür- und sichtbar zugleich. Ihre Objekte folgen nicht den festgelegten Pfaden eines einzigen Mediums, sondern vereinen unterschiedlichste Materialien wie Holz, Wolle, Leinwand, Stoffe, Pigmente, Blätter und Zweige. Es sind unregelmäßige Formen, die keinen rechteckigen Rahmen kennen. Stoffe, die gleichzeitig bemalt und genäht sind, die sich wölben und hängen. Sperrholz, das wie ein Körper ausgesägt wurde, nicht wie ein Bild. Farben, die nicht dekorieren, sondern drängen. Die Bilder wirken wie Wesen, die Luft in die Lungen genommen haben, aus den Rahmen ausgebrochen sind und nun durch den Galerieraum streunen. Jedes Werk existiert für sich, doch zusammen bilden sie eine geheimnisvolle, anarchische Gemeinschaft. Das Werk scheint das Ergebnis einer Verhandlung zwischen Künstlerin und Material zu sein – und das Material hat mitgeredet, oder besser: Man ist ihm gefolgt.

 

Doch was bedeutet es, einem Material zu folgen? Es bedeutet, sich nicht zu entscheiden, bevor man berührt hat. Nicht zu wissen, bevor man gespürt hat. Es bedeutet, dem Objekt volle Aufmerksamkeit zu schenken und ihm im Grunde paradoxerweise einen Raum zu geben. In gewisser Weise haben wir es hier mit einer besonderen Haltung zu tun: Sensibilität für Materialeigenschaften, eine geduldige Fürsorge, die den Prozess lenkt und Bruchstücke zusammenhält, die Kraft der meditativen Wiederholung von Gesten – Weben, Nähen, Auffüllen –, bis sich die Form herausbildet; sorgfältiges Sammeln von Überresten und aufmerksames Aufbewahren. Die Dinge werden in ihrer Lebendigkeit ernst genommen und nicht als toter Stoff behandelt, der geformt werden soll. Die Arbeiten bilden oft eine spannende Mischung aus Fragilität und Sperrigkeit. Sie oszillieren zwischen Ordnung und Auflösung, Leichtigkeit und Schwere, Intimität und Distanz sowie Öffnung und Widerstand.

 

Um diese Haltung noch besser zu veranschaulichen, bringen wir für die erste institutionelle Soloausstellung von Nie Pastille ihren tatsächlichen Arbeitsplatz in den Ausstellungsraum: einen Bauwagen mit einem Webstuhl. Dieser steht normalerweise auf dem Bauwagenplatz „Wem gehört die Welt“ in Köln, wo Nie Pastille auch in einem anderen Bauwagen lebt. In der Ausstellung fungiert er gleichzeitig als Architektur, Ausstellungsraum, Skulptur und funktionaler Arbeitsraum. Ein Bauwagen und ein Bauwagenplatz repräsentieren eine sehr spezifische Lebensweise in kollektiver Gemeinschaft. Es ist eine bewusste Positionierung außerhalb konventioneller häuslicher und sozialer Strukturen, die oft mit Autonomie, alternativer, häufig antikapitalistischer Gemeinschaft, ökologischem Bewusstsein sowie der Ablehnung bürgerlicher Stabilität einhergeht. Einerseits ist es ganz praktisch ein Leben in einem kleinen, begrenzten, mobilen Behälter, also einem sehr definierten persönlichen Raum. Andererseits hat man einen großen Außenbereich und die Verbindung nach draußen ist sehr stark. Der Bauwagenplatz in Köln liegt mitten in der Stadt und dient nicht nur als Wohnort, sondern auch als Veranstaltungsort mit Bar, Konzerten etc. Dieses Leben hat auch eine spezifische Ästhetik: Es ist nicht makellos, trägt Spuren der Zeit und vieles wird selbst gebaut. Durch eine hölzerne Plattform im zweiten Raum, die einer Plattform in einem anderen Arbeitsraum der Künstlerin ähnelt, erhält die Ausstellung eine neue Dimension: Sie wird zu einem großen, offenen Atelier, an dem künstlerischer Prozess und Präsentation ineinanderfließen. Es ist ein Ort des Beobachtens, der Begegnung und der Zusammenarbeit. Während der Ausstellung wird die Künstlerin an einer Installation arbeiten, die sich während der gesamten Laufzeit verändert und transformiert. Zudem wird sie einen Webworkshop für das Publikum anbieten. So wie die Kunstwerke von Pastille eine Bewegung, eine sich entfaltende Potenzialität andeuten, wird sich auch die Ausstellung selbst im Laufe der Zeit entwickeln und andere Formen annehmen.

 

In gewisser Weise ist der Bauwagen hier nicht nur Lebensort und Arbeitsraum, sondern auch ein Akteur. Er hat Pastilles Praxis zum Teil geformt: ihre Langsamkeit, ihre Intimität mit dem Material und ihre Bereitschaft, dem Provisorischen zu vertrauen. Wenn er nun in den Ausstellungsraum gestellt wird, bringt er diese Geschichte mit – nicht als Erzählung, sondern als Kraft. In der Ausstellung trifft Bennetts Theorie auf einen anderen spannenden Denkansatz, der für das Verständnis von Pastilles Arbeit fruchtbar ist: den Begriff des „theoretischen Objekts“. Dieser Begriff wird in unterschiedlichen Formulierungen von Kunsthistoriker:innen wie Hubert Damisch, Georges Didi-Huberman oder Mieke Bal verwendet. Ein theoretisches Objekt ist kein Werk, das eine bereits formulierte Idee illustriert. Ein theoretisches Objekt denkt selbst. Es stellt Fragen, die nur in der Form des Objekts gestellt werden können und sich der Sprache entziehen, solange man nicht direkt vor dem Objekt steht. Die Theorie des theoretischen Objekts ist ein Versuch, die künstlerische Praxis gegenüber den theoretischen Diskursen aufzuwerten und als eigene Form der Reflexion zu erfassen. Die Kunst wird hier in ihrer epistemischen Wirksamkeit ernst genommen. Die Arbeiten von Nie Pastille haben in dieser Hinsicht etwas Widerspenstiges an sich. Sie lassen sich nicht leicht klassifizieren oder in populäre Diskurse über zeitgenössische Kunst einschreiben. Die materielle Herangehensweise der Künstlerin sowie ihr Lebensstil – beides gehört zusammen – generieren eigene Fragen.

 

Was bedeutet Geborgenheit, wenn das Zuhause auf Rädern steht? Was bedeutet Fürsorge, wenn alles provisorisch ist? Was bedeutet es, künstlerische Autonomie wirklich zu praktizieren? Wie weit möchte man gehen und wie viel Komfort ist man bereit aufzugeben? Und wenn Objekte eine eigene Handlungsmacht haben? Wie lässt man sie diese entfalten?

 

Einen wichtigen Platz in der Ausstellung nehmen die Zeichnungen der Künstlerin ein. Sie bilden ein ernsthaftes und zutiefst persönliches Werkensemble mit einer vollständig entwickelten inneren Sprache. Das einheitliche quadratische Format, die ausschließliche Verwendung von Graphit und das gemeinsame symbolische Vokabular zeigen, dass es sich nicht um isolierte Experimente handelt, sondern um eine fortlaufende, nachhaltige Praxis. Die Zeichnungen belohnen genaues Hinschauen: Details, die zunächst dekorativ erscheinen, erweisen sich bei näherer Betrachtung als narrativ oder symbolisch. Die Spannung zwischen Kontrolle – präzise Musterung, architektonische Geometrie – und Auflösung – gekritzelte Knäuel, sich verwandelnde Körper – verleiht den Arbeiten erhebliche Energie. Sie scheinen von der Erfahrung durchdrungen zu sein, Kräften ausgesetzt zu sein – natürlichen, psychologischen, systemischen oder kosmischen –, die das menschliche Maß übersteigen. Es gibt eine beständige Spannung zwischen Einschließung und Flucht, zwischen organischem Leben und starrer Struktur sowie zwischen dem Mythologischen und dem Alltäglichen. Ampeln und Flaggen erscheinen neben herabsteigenden Himmelsfiguren, Moleküldiagramme koexistieren mit tentakelartigen Meereskreaturen. Dieses Aufeinandertreffen verschiedener Ebenen – das Bürokratische und das Archaische, das Mikroskopische und das Monumentale – verleiht den Arbeiten eine Qualität ängstlicher Gleichzeitigkeit. Es scheint, als würde die Künstlerin versuchen, eine überwältigende innere und äußere Welt auf dieselbe flache Oberfläche zu bannen, um alles auf einmal im Blick zu behaltenSie lassen unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten zu. Behälter und Gefäße – Zylinder, Schalen, Kästen und Käfige – können hier nicht nur Symbole der Einschließung sein, sondern auch des Bewohnens, des kleinen, begrenzten Raums, der gleichzeitig Schutz und Beschränkung bietet. Die Spannung zwischen Innen und Außen, die so viele der Kompositionen durchzieht – Figuren, die in Kästen schauen, Wesen, die aus Gefäßen auftauchen, Körper, halb eingeschlossen und halb entkommend –, könnte die alltägliche Erfahrung einer sehr spezifischen Beziehung zu Innen- und Außenraum widerspiegeln.

 

In der Ausstellung treten drei internationale Gäste in den Dialog mit dieser Praxis: Die polnische Künstlerin, Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Ewa Kuryluk ist eine Pionierin der ephemeren textilen Installation. Ihr „Namiot” (Zelt) aus dem Jahr 1980, dessen Flügel zwei Acrylmalereien auf chinesischer Seide bilden, wurde erstmals als Teil der größeren Installation „Podróż” (Reise) gezeigt. In der gesamten Serie von Malereien auf Seide bezieht sie sich auf die ikonografische Darstellung des Schleiers der heiligen Veronika und die damit verbundene Idee der ephemeren Spur, des Abdrucks eines leidenden menschlichen Körpers auf dem ihn bedeckenden Leichentuch. Dieser Idee widmete sie auch ein Buch: „Veronika und ihr Tuch” (1998). Ihre Arbeiten wenden sich jedoch von der christlichen Symbolik ab und hin zur Aufzeichnung individueller Emotionen, zur Faszination für das Leben sowie für Liebe und Sexualität.

 

Tom Hunter fotografierte seine Serie Travellers (1996–1998), während er selbst in einem Doppeldeckerbus durch England und Europa reiste. In diesen Porträts hielt er das Leben seiner Freunde und Mitreisenden würdevoll fest. Seine Arbeit erforscht die Ästhetik des Wagens als Lebensraum und verleiht durch kunsthistorische Referenzen marginalisierten Lebensformen Dignität. Die Fotos der Serie „Persons Unknown” (1997) entstanden in seiner Straße in Hackney, wo er und andere Bewohner:innen als Squatter:innen gegen ihre Zwangsräumung kämpften – der Titel der Serie entstammt dem Wortlaut ihrer Räumungsbescheide. Diesmal verweisen die Haltungen und Gesten der Porträtierten auf Gemälde von Vermeer.

 

Molly Palmer zeigt zwei Videoarbeiten: Two Friends and Two Curtains (2006) sowie In Addition to Everything Real (2015). Mit handgefertigten Requisiten, Kulissen und Kostümen versetzt sie ihre Protagonist:innen per Greenscreen in geschichtete Videowelten, in denen Musik, Geste und Dialog auf eigentümliche Weise miteinander erzählen. In der ersten Arbeit lernen zwei Statuen von einem Vorhangpaar, was Freundschaft bedeutet. Das zweite Werk beginnt als Geschichte zweier Aufzüge in einem Gebäude. Ihre vorhersehbare, routinierte Choreografie enthüllt jedoch verborgene Parallelwelten und entfaltet so eine fesselnde Fantasie.

 

Aneta Rostkowska

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Nie Pastille, 1966 in Duisburg geboren, studierte Bildende Kunst an der Hogeschool voor de Kunsten in Arnhem sowie am Sandberg Instituut in Amsterdam. Zuvor hatte sie Sozialwissenschaften an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg studiert. Sie lebt und arbeitet in Köln. Ausstellungen (Auswahl): „Blue Binding Ribbon” (Temporary Gallery, Köln, 2024), „Mango Jellyfish Action” (Cosima Pilz, München, 2024), „WIE OOB” (Hidde von Seggelen, Hamburg, 2021), „1919 49 69ff.”. , Aufbrüche (Kolumba Museum, Köln, 2019), Tanz lang (Cabinet of Caput, Köln, 2016), Köln um halb acht (Temporary Gallery, Köln, 2014 und 2019), No Bodies Meta (Galerie Sebastian Brandl, Köln, 2013), Anweisung (Galerie Charlotte Desaga, Köln, 2010), Pressgang (Reinier van Ewijk Projects, Amsterdam, 2008) und The Contented Heart (W139, Amsterdam, 2007). Auslandsaufenthalte: Bawku, Ghana, 2022 und 2023.

*Der Titel der Ausstellung stammt aus dem Gedicht „Fürsorge" von Stefan Wartenberg, das von dem Werk von Nie Pastille inspiriert wurde.

 

Fürsorge 

Fenster auf
Goldfische rein

der Wolkenvogel legt ein rohes Ei
ins Himmelszelt es leuchtet leuchtend rot

in unser Zimmer auf dem Zeltplatz
neben der Garderobe

und dass es regnet wie aus Quallen
und dass dabei die Sonne scheint

und alles gleichsam wieder trocknet
noch bevor die Feuchtigkeit

nach innen dringen kann liegt an der Jahreszeit
und führt dazu dass wir den Baum

persönlich dreimal täglich gießen