RIVERS IN THE SKY
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So, 15 November 2026, 13–16:30 Uhr

 

Performancetag an der Rodenkirchener Riviera und in der Temporary Gallery

Mit Performances von Walla Capelobo, Corinna Duschl, Pia Lindman (mit Marta Wryk und Sabina Rahn) und Jenni-Juulia Wallinheimo-Heimonen

Praktische Informationen
Treffpunkt: 13 Uhr am Rheinufer gegenüber dem Kölner Ruderverein von 1877 e.V., Barbarastraße, Köln-Rodenkirchen. Der erste Teil findet im Freien statt und endet um 14:30 Uhr. Bitte warme, wasserfeste Kleidung tragen und einen Regenschirm mitbringen.
Teil II: Temporary Gallery, Mauritiuswall 35, 50676 Köln, 15:30–16:30 Uhr

Im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung untame flow stay release (entzähmen fließen bleiben loslassen) in der Temporary Gallery verbinden Performances von Walla Capelobo, Corinna Duschl, Pia Lindman und Jenni-Juulia Wallinheimo-Heimonen die Ausstellung mit den Strömungen und Ufern des Rheins.

Inspiriert von der zyklischen Bewegung des Wassers lassen diese Aktionen beide Orte zusammenfließen, mit Geschichten aus Nordrhein-Westfalen und Brasilien. „Entzähmen“ bedeutet, Strukturen zu lockern, die menschliche und mehr-als-menschliche (Wasser-)Körper regulieren, eindämmen, normalisieren oder marginalisieren. Von diesem Ausgangspunkt aus bringen vier künstlerische Interventionen Disability Justice, Klimagerechtigkeit und die Rechte der Natur miteinander ins Gespräch.

Disability Justice macht sichtbar, wie Behinderungen durch soziale, politische und räumliche Strukturen hervorgebracht werden. Klimagerechtigkeit lenkt den Blick auf die ungleiche globale Verteilung der Folgen des Klimawandels. Staaten und Konzerne des Globalen Nordens haben durch koloniale Ausbeutung, Industrialisierung und die Nutzung fossiler Brennstoffe maßgeblich zur Klimakrise beigetragen. Am stärksten spürbar sind die Auswirkungen jedoch in ehemals kolonisierten Regionen des Globalen Südens. Die Bewegung für die Rechte der Natur erweitert diese Perspektive: Sie fordert, Ökosystemen eigene Rechte auf Existenz, Regeneration und Fortbestand zuzuerkennen, unabhängig von ihrem Nutzen für den Menschen.

Diese drei Bewegungen eint die Forderung nach Gerechtigkeit für jene menschlichen und mehr-als-menschlichen Körper, die von kolonialen, kapitalistischen und extraktivistischen Systemen am stärksten betroffen sind. Ab wann werden die ungleiche Verteilung von Verletzlichkeit und der ungleiche Zugang zu funktionierenden Ökosystemen zu einem gemeinsamen politischen Anliegen? Welche Körper und Bedürfnisse werden berücksichtigt, welche an den Rand gedrängt? Wem wird das Recht auf Existenz zugestanden – und damit der Zugang zu einer Umwelt, in der ein gutes Leben möglich ist?

TEIL I: Am Rheinufer in Rodenkirchen
13–14:30 Uhr

Der Tag beginnt am Flussufer. Pia Lindman aktiviert ihre Tonskulptur RiveRhine gemeinsam mit dem Fluss und den Sängerinnen Marta Wryk und Sabina Rahn. Die Arbeit bezieht sich auf den finnischen Begriff manaus: eine gesungene Beschwörung, die Kräfte bündelt, um die Wirklichkeit zu verwandeln. Die Skulptur verstärkt die Schwingungen der Stimmen und lenkt sie zum Flussbett. In diesem klanglichen Austausch erscheint der Rhein zugleich als Gegenüber und als Resonanzkörper.

Mit einer Teezeremonie und kleinen Snacks zeichnet Corinna Duschl die Geschichte des Rheins als Handelsweg nach, über den Kohle aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinischen Revier in die Welt exportiert wurde. Die Förderung und Verbrennung dieser Ressourcen wirkt bis heute nach, in klimatischen Veränderungen, die in Dürren, Niedrigwasser und Extremwetter unmittelbar spürbar werden. Duschls Beitrag greift historische Wetterrituale auf, die entlang des Rheins seit dem Mittelalter dokumentiert sind. Diese vorchristlichen Praktiken wurden vor allem von Frauen ausgeübt und sollten Regen bringen. Ihre spätere Umdeutung trug dazu bei, dass das Wissen von Frauen über Pflanzen und Wetter mit Unheil und Hexerei in Verbindung gebracht wurde. Die Snacks sind mit Winterkresse zubereitet, auch Barbarakraut genannt. Das Kraut wächst sowohl in vom Bergbau geprägten Landschaften als auch am Flussufer, und sein Name verweist auf die heilige Barbara. Der Legende nach widersetzte sich Barbara ihrem Vater und wandte sich dem Christentum zu, um einer Zwangsheirat zu entgehen und ihre körperliche Autonomie zu bewahren. Ihr Vater ließ sie einsperren und foltern und tötete sie. Daraufhin wurde er selbst vom Blitz erschlagen. Durch diese Verbindung mit Blitz, Feuer und plötzlichem Tod wurde Barbara zur Schutzpatronin der Bergleute.

Zum Abschluss des ersten Teils präsentiert Jenni-Juulia Wallinheimo-Heimonen Elephants Remember, einen performativen Artist Talk über Barrierefreiheit und Erinnerung. Sie bringt eine Struktur, die zugleich Drachen und Prothese ist, mit den atmosphärischen Bedingungen des Flussufers in Berührung. Ihre Praxis legt offen, wie ableistische Strukturen körperliche Selbstbestimmung einschränken, und begegnet ihnen mit Humor, Extravaganz und eigensinniger Vorstellungskraft. „Drachen mit Behinderung“ legen nahe, dass behinderte Menschen in einer derart unzugänglichen Welt vielleicht besser dran wären, wenn sie fliegen. Zugleich fragen sie, ob Fliegen Freiheit bedeutet, wenn man nirgendwo zum Landen willkommen ist.

Übergang
14:30–15:30 Uhr: Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in die Innenstadt.

TEIL II: In der Temporary Gallery
15:30–16:30 Uhr

Stürme und Regen tragen Wasser durch die Atmosphäre, während Blitze ihre elementaren Kräfte sichtbar machen. Der brasilianische Quilombola-Denker Antônio Bispo dos Santos beschreibt diese Bewegungen als „Rivers in the Sky“ („Flüsse im Himmel“). Sie tragen Geschichten der Ausbeutung und des dekolonialen Widerstands, die zusammenfließen und als Teil eines fortwährenden planetaren Kreislaufs wiederkehren.

Walla Capelobos Intervention eröffnet den zweiten Teil des Tages. Die Intervention verbindet den Fluss bzw. die Flüsse mit der Frage des Bergbaus und bringt Elemente aus Nordrhein-Westfalen und Minas Gerais in Brasilien zusammen. Dieser Bundesstaat ist so eng mit dem Bergbau verbunden, dass er die Minen im Namen trägt. Seit Jahrzehnten wird in den Bergen von Minas Gerais Eisenerz abgebaut.

Bei einer aktuellen Recherche fand Capelobo heraus, dass einige Berge nahe dem eigenen Geburtsort unberührt blieben, weil sich dort Felsmalereien befinden. Diese haben Jahrhunderte überdauert, weil oxidierendes Eisen die Bilder am Gestein fixiert. Eisen ist zugleich ein Element der Zerstörung und der Bewahrung. Manche Bilder verschlingen Berge, ebenso wie die meisten Technologien, mit denen wir Bilder herstellen, denn auch sie sind aus abgebauten Mineralien gefertigt. Andere Bilder bewahren die Berge. Vor diesem Hintergrund präsentiert Capelobo die Lecture-Performance cave cinema: Von Capelobo geschaffene Bilder werden auf eine Leinwand aus Ton projiziert, die als Erzählapparat dient.

Zum Abschluss des Tages gibt es einen Tee, den Corinna Duschl aus Kräutern vom Rheinufer zubereitet.

Kuratiert von Raphael Daibert, Jussi Koitela, Aneta Rostkowska und Nada Rosa Schroer
Produktion: Citra Amongsari
Technische Unterstützung: Jan Kryszons, Baptist Ohrtmann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Samanta Lück

 

BIOGRAFIEN

Walla Capelobo (geb. in Brasilien, lebt in Deutschland) ist dunkler Wald und fruchtbarer Schlamm. Capelobos multidisziplinäre künstlerische Praxis experimentiert mit Keramik, Installationen, Videos, Texten, Workshops und Performances. Sie ist geprägt von Zeit und vom Fluss physischer und/oder spiritueller Energie, die die Erde durch den Austausch von Mineralien, Technologien und Regenerationen umgibt. Die Arbeit widmet sich sensiblen Fragen der Existenz, gestützt auf afro-indigene südamerikanische Technologien, spekulative Ökologien, Archäologien der Gegenwart, Träume und Wahngebilde. Capelobo hat an Residenzen und Ausstellungen teilgenommen, darunter Gwangju Biennale, Walk&Talk Biennial (Azoren), Organismo TBA21–Academy (Madrid), South to South: A Meeting on African and Afro-Diasporic Technologies (Brasilien, DR Kongo, Deutschland), AI Anarchies, Akademie der Künste (Berlin), LabVerde (Amazonas), Materia Abierta (Mexiko-Stadt), CACis (Barcelona), Pivô Arte e Pesquisa (São Paulo), und Institute for Postnatural Studies (Madrid).

Corinna J. Duschl ist Medienkünstler*in und forscht künstlerisch in turbulenten Ökologien. Daraus entstehen multimediale Installationen, die häufig keramische Elemente, Sound und Video verbinden. Duschls Praxis erkundet die Schwellen zwischen Folklore, Natur und Gendernarrativen. Duschl studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln und an der Listaháskóli Íslands in Reykjavík.

Pia Lindman ist Künstlerin und Heilerin. Seit einer Quecksilbervergiftung ist ihr Nervensystem besonders empfindlich, und sie nimmt die Mikrosignale ihres Körpers verstärkt wahr. Diese subsensorischen Signale übersetzt sie in Bilder, Melodien, Worte und Farben und lässt sie in Arbeiten einfließen, die die Nuancen unterschiedlicher Umgebungen und sozialer Situationen erkunden. Pia Lindman arbeitet mit Performance, Heilen als Kunst, Sound, Installation, Mikroben, Architektur, Malerei und Skulptur. 2024 nahm sie an der 60. Biennale di Venezia teil, in der Ausstellung „The Pleasures We Choose“ (Frame / Finnischer Pavillon). Dort zeigte sie Collectivities Cycle, eine klimatisierende Tonskulptur, die Besucher*innen mit ihrer organischen Materie und den darin lebenden Mikroben in Kontakt bringt. Begleitend waren „lebende digitale Gemälde“ zu sehen. Sie entstehen aus Lindmans fortlaufender Teilnahme an einer Online-Gemeinschaft für Tong-Ren-Heilung; ihre Bilder glitchen langsam und verwandeln sich in andere Körperformen und Energien. In Nose, Ears, Eyes (Bienal de São Paulo, 2016) gab Lindman in einer von ihr entworfenen Lehmhütte subsensorische Sitzungen für das Publikum, basierend auf alten finnischen Heiltechniken. Aus den Visionen dieser Sitzungen entstanden Gemälde. Als Professorin für Environmental Art an der Aalto-Universität (2013–2018) leitete sie Biofilia – Base for Biological Art. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete sie von 2004 bis 2007 mit Forschenden der Humanoid Robotics am Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory zusammen. Zu ihren jüngsten Ausstellungen zählen Chewing the Tundra in der Kunsthalle Exnergasse, Wien (2022, ko-kuratiert von Lindman/Gretarsdottir) und Not Without My Ghosts, Hayward Gallery Touring, Großbritannien (2019–2022). 2025 erhielt Lindman den Auftrag für H2OMANAUS, eine kollektive Performance und öffentliche Skulptur für die Europäische Kulturhauptstadt Trenčín, Slowakei, 2026. Lindmans Werk ist das Ergebnis jahrelanger Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und seinem Ort in politischen und kulturellen Räumen. Es umfasst heute vielfältige, gemeinsam geschaffene Sphären organischen und anorganischen Lebens.

Jenni-Juulia Wallinheimo-Heimonen (geb. 1974) ist Inhaberin einer staatlichen Künstlerprofessur für multidisziplinäre Kunst in Finnland (2025–2029) und Aktivistin für die Rechte behinderter Menschen. 2024 vertrat sie als eine von drei Künstler*innen Finnland auf der Biennale di Venezia. 2019 erhielt sie den Finnischen Staatspreis für multidisziplinäre Kunst. 2018 wurde ihr Kurzfilm über Pflegerobotik beim Pisa Robotic Film Festival mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. 2026 nahm sie im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Oulu an der Tour des E75 Art Bus vom Mittelmeer bis zum Arktischen Ozean teil. Von Juni 2026 bis Januar 2027 ist ihr Kurzfilm How Great is Your Darkness? im Design Museum of Chicago zu sehen. Wallinheimo-Heimonens Arbeit reicht von Skulptur, Installation und Film bis zu Performance und Aktivismus im Bereich der Behindertenpolitik. 2022 war sie im Rahmen des Programms Nordic Bridges Artist in Residence am Harbourfront Centre in Toronto und nahm an der 8. Biennale für zeitgenössische Kunst der Fundación ONCE in Madrid teil. Sie hat einen Bachelorabschluss der Aalto-Universität, School of Arts, Design and Architecture in Helsinki. Als pikante Besonderheit hat sie Osteogenesis imperfecta.

Marta Wryk ist eine polnische Mezzosopranistin und lebt in Bielefeld. Sie studierte an der Fryderyk-Chopin-Musikuniversität in Warschau und an der Manhattan School of Music in New York. Nach ihrem US-Debüt in Philip Glass’ Orphée an der Virginia Opera wurde sie in Europa bekannt, als sie an der Oper Köln als Smeton in Anna Bolena einsprang. Später wurde sie dort Ensemblemitglied. Sie gastierte u. a. an der Oper Bonn, der Staatsoper Hannover und dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden sowie im Concertgebouw Amsterdam, in der Kölner Philharmonie, der Philharmonie Luxembourg, der Tonhalle Düsseldorf und im Symphony Space New York. Derzeit ist sie Ensemblemitglied am Theater Bielefeld und zudem als Pädagogin und Autorin tätig. Neben ihrer Opernkarriere entwickelt sie eigene künstlerische Projekte an der Schnittstelle von Musik, Feminismus und interdisziplinärer Praxis. Ihre besondere Leidenschaft gilt der zeitgenössischen Musik und der Erkundung neuer künstlerischer Perspektiven.

Sabina Rahn (früher Sabina Krauze) ist Sängerin und Musikerin und tritt auf Musik- und Theaterbühnen auf. Nach dem Abschluss der Musikschule I. Stufe setzte sie ihre künstlerische Ausbildung bei Privatlehrer*innen und in verschiedenen Workshops fort. 2017 schloss sie ihr Studium der Kognitionswissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau ab. Ihr besonderes Interesse galt der Neuroästhetik, und ihre Masterarbeit befasste sich mit Musikpsychologie. 2019–2020 studierte sie an der Akademie für Theaterpraktiken Gardzienice. Ihr künstlerischer Schwerpunkt liegt auf traditioneller, theatraler und improvisierter Musik. Außerdem faszinieren sie Übergangsriten in traditionellen Kulturen und die vielfältigen Rollen, die Musik in der Gesellschaft spielt.