Vom 9. bis 11. Juli laden wir gemeinsam mit dem Kunstverein Siegen und Kunstverein Bielefeld zum künstlerischen Symposium Speculative Pen: Fabulating Institutional Futures in die Temporary Gallery nach Köln ein. Drei Tage lang fragen wir gemeinsam mit internationalen Gästen aus Kunst, Kuration und Forschung, wie Kunstinstitutionen zukunftsfähig, gerecht und vernetzt bleiben können – im Rahmen des Programms Übermorgen der Kulturstiftung des Bundes.
Mit Cane Adina Erzi, Alistair Hudson (online), Nina Möntmann, Tamarind Rossetti und Stephen Wright, Paulina Seyfried, Meghna Singh, Benjamin Seroussi (online), Kathy-Ann Tan, Fatoş Üstek (online) und Franciska Zólyom. Verpflegung durch AMA.TWI.
Die Teilnahme ist kostenlos, das Symposium wird live gestreamt.
Anmeldung bis 1. Juli unter info@temporarygallery.org.
Speculative Pen ist ein künstlerisches Symposium in experimentellem Format, das institutionelle Selbstbefragung mit spekulativen Übungen zu wünschenswerten Zukünften von Kunstinstitutionen verbindet. Anstelle eines konventionellen Ortes der Wissensvermittlung ist die Veranstaltung als kollektiver Lernraum sowie als künstlerisch-kuratorische Intervention konzipiert, in der institutionelle Strukturen reflektiert und spekulativ erweitert werden.
Der Titel verweist auf den Kugelschreiber als Werkzeug administrativer und struktureller Praxis. Indem wir ihn als Speculative Pen neu interpretieren, untersuchen wir, inwiefern spekulative Ansätze dazu beitragen können, institutionelle Strukturen und die damit verbundenen Handlungsspielräume neu zu denken. Zugleich fragen wir, wie sich utopische Entwürfe in konkrete, situierte Spekulationen übersetzen lassen, die an bereits bestehende Praktiken anknüpfen.
Das Symposium ist ein offenes Forschungsprojekt von drei Institutionen — der CCA Temporary Gallery in Köln, dem Kunstverein Bielefeld und dem Kunstverein Siegen — im Rahmen des Programms Übermorgen — Neue Modelle für Kulturinstitutionen der Kulturstiftung des Bundes. Das Programm bringt fünfzig Kulturinstitutionen in ganz Deutschland zusammen, um neue Ansätze für ihre Zukunft als bedeutende Räume gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln, insbesondere angesichts der tiefgreifenden Herausforderungen und Krisen unserer Gegenwart.
Über einen Zeitraum von achtzehn Monaten entwickeln die drei Institutionen gemeinsam ihre Arbeitsweisen weiter, erproben neue Modelle der Zusammenarbeit und Teilhabe und verfolgen die Frage, wie Kunstinstitutionen vernetzt, gerecht und zukunftsfähig bleiben können. Ihre kuratorische Praxis verbindet ein gemeinsames Verständnis von Ausstellungsarbeit als etwas, das in das urbane und soziale Gefüge der jeweiligen Städte hineinwirkt. Diskurs und Vermittlung werden dabei nicht als begleitende Formate verstanden, sondern als integraler Bestandteil kuratorischer Praxis selbst.
Ein konzeptueller Faden dieses Forschungsprozesses ist das Konzept der permakulturellen Institution, das Aneta Rostkowska in ihrem Essay Towards a Permacultural Institution (Islands of Kinship, Mousse Publishing, 2024) entwickelt hat. Ausgehend von Prinzipien der Permakultur — langfristigem Denken, Interdependenz und Sorge für lebendige Systeme — beschreibt das Modell Kunstinstitutionen als zugängliche und inklusive hybride Räume, die Funktionen von Gemeinschaftszentren und Ausstellungsräumen miteinander verbinden und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter*innen ebenso wie das der weiteren Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellen.
Das Modell plädiert dafür, kuratorische Autorität zu dezentralisieren, soziales Engagement in die Kernstruktur der Institution zu integrieren und nachhaltige Praktiken zu kultivieren, die der überproduktiven, beschleunigten Logik der zeitgenössischen Kunstwelt entgegenwirken. Entscheidend ist dabei die Einsicht, dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit stets zusammengedacht werden müssen — keine von beiden kann isoliert von der anderen adressiert werden.
Das Konzept wurde sowohl theoretisch als auch praktisch weiterentwickelt: zunächst im Rahmen des Sommerseminars Towards Perma-Cultural Institutions: Exercises in Collective Thinking in der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen im Jahr 2022 und anschließend durch die Workshopreihe Towards Permacultural Institutions: Curating Transformation an der CCA Temporary Gallery im Jahr 2023. Dort wurden permakulturelle Ethiken — Earth Care, People Care und Fair Share — auf Fragen institutioneller Transformation im Kunstsektor bezogen.
Kunstvereine nehmen in der Kulturlandschaft eine besondere Position ein: chronisch unterfinanziert und zugleich beharrlich widerständig, funktionieren sie seit Langem als eine Art „Überlebenskünstler*innen“ — beweglich, gemeinschaftsnah und gerade deshalb in der Lage zu experimentieren, weil sie außerhalb der Logik großer institutioneller Selbsterhaltung agieren. Das Symposium fragt, wie diese strukturelle Prekarität als Bedingung für Solidarität neu gerahmt werden kann und wie sich tatsächlich kollaborative Praktiken innerhalb und zwischen diesen Strukturen entwickeln lassen.
Durch kollektive Schreibprozesse und Sessions kreativen Selbstausdrucks, angeleitet durch künstlerische Impulse, ebenso wie durch fiktive Exkursionen, Workshops — darunter Paulina Seyfrieds Language Creates Reality am dritten Tag —, Diskussionen und Vorträge widmen wir uns Fragen von Teilhabe und Öffentlichkeit sowie unterschiedlichen Organisationsformen und Möglichkeiten der Demokratisierung institutioneller Praxis.
Darüber hinaus beschäftigt sich das Symposium mit sozialer Nachhaltigkeit und prozessorientierter, kollaborativer Bildungsarbeit — einer Praxis, die inklusive Zugänge ebenso berücksichtigt wie dekoloniale und transkulturelle Perspektiven.
Die Veranstaltung bringt eine internationale Gruppe von Künstlerinnen, Kuratorinnen, Forscherinnen und institutionellen Praktikerinnen zusammen, darunter Cane Adina Erzi, Alistair Hudson (online), Andreas Maus, Nina Möntmann, Tamarind Rossetti und Stephen Wright, Paulina Seyfried, Meghna Singh, Kathy-Ann Tan, Fatoş Üstek (online) und Franciska Zólyom sowie weitere Gäste. Das Essen kommt von AMA TWI.
Einberufen von: Jennifer Cierlitza (Kunstverein Siegen), Lisa Klosterkötter und Aneta Rostkowska (CCA Temporary Gallery) sowie Victoria Tarak (Kunstverein Bielefeld).
Das Symposium wird per Livestream übertragen. Zur Anmeldung schreiben Sie bitte bis zum 1. Juli an info@temporarygallery.org. Informationen zur Barrierefreiheit der Veranstaltung finden Sie auf unserer Website. Bitte zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren, wenn Sie besondere Bedarfe oder Fragen haben. Wir bieten Kinderbetreuung an, bitte schreiben Sie uns vorab im Zuge Ihrer Anmeldung, wenn Sie diese wahrnehmen möchten. Geben Sie dabei das Alter Ihres Kindes an.
Sprache: Englisch, mit Kurzeinführungen jedes Beitrags in einfacher Sprache auf Deutsch und Englisch
Samstag, 11. Juli, 9.30–12.00 Uhr Workshop mit Paulina Seyfried (anschließend 12–13 Uhr Mittagessen)
Workshop: Sprache schafft Wirklichkeit
Kulturschaffende werden zunehmend aufgefordert, gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen. Von ihren Institutionen wird erwartet, dass sie als Räume für Unterhaltung, Bildung und Begegnung dienen – für ein möglichst breites Publikum. Dabei schrumpfen die Budgets, und die Kulturpolitik wird restriktiver. Wenn wir über Veränderungen nachdenken, die ohne Budget möglich sind, müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass Sprache die Welt nicht nur beschreibt, sondern aktiv konstruiert. Um zugänglicher zu werden, müssen wir klarer kommunizieren – innerhalb unserer Organisationen wie auch gegenüber unserem Publikum. Das ist eine Frage des Selbstbewusstseins, der Hierarchie und der Transparenz, aber auch der Worte, mit denen wir beschreiben, was wir tun. Dieser Workshop richtet sich an alle, die daran interessiert sind, ihre akademische Sprache zu verlernen. Er bietet die Möglichkeit:
zu reflektieren, wo man persönlich und beruflich steht
gemeinsam darüber nachzudenken, wie Macht in Sprache funktioniert – besonders in der Kunstwelt
Sprache nicht nur als Barriere zu betrachten, sondern auch als Möglichkeit, Türen zu öffnen
Wir werden miteinander sprechen und schreiben. Sprache kann ausschließen – sie kann aber auch dabei helfen, Menschen einen Platz zu finden und sozial aufzusteigen.
Was wir tun werden: Wir beginnen mit einem Check-in und einer kurzen Einführung. Dann gehen wir in praktische Schreib- und Übersetzungsübungen über und arbeiten mit einfacher Sprache.
Zur Teilnahme bitten wir Sie:
- einen kurzen Einführungstext im Voraus zu lesen
- offen dafür zu sein, neue Wege des Schreibens und Kommunizierens auszuprobieren – akademische Sprache beiseite zu lassen
- etwas zum Schreiben mitzubringen
Gefördert durch Übermorgen — Neue Modelle für Kulturinstitutionen, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes. Das Programm wird in Zusammenarbeit mit Bureau Ritter als ausführendem Partner umgesetzt. Die Kulturstiftung des Bundes wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
BILD
Victoria Tarak, aus dem fortlaufenden künstlerisch-kuratorischen Forschungsprojekt O Ovo)
Wie das Ei eine schützende Behausung für Prozesse des Werdens bildet, ist es zugleich eine fragile Struktur, die auf die Notwendigkeit von Fürsorge und Aufmerksamkeit verweist und so zur Metapher für die ebenso behutsame, verletzliche und störbare Entstehung von Ideen wird. Die verschiedenen Eier im Bild scheinen miteinander in Dialog zu treten und verweisen auf das Symposium Speculative Pen als Ort kollektiver Praxis.
